Von Dr. Lena Brandt, Redaktion Gesundheit
Stand: 5. Mai 2026
Ende 2025 leben in Deutschland 757.000 Menschen mit Long Covid und weitere 657.000 mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS). Zusammen ergibt das über 1,4 Millionen Betroffene — eine Größenordnung, die offizielle Meldedaten des Robert Koch-Instituts (RKI) bisher nicht ausreichend abbilden. Die anhaltend hohe Dunkelziffer bei SARS-CoV-2-Infektionen und die zeitversetzte Entwicklung postinfektiöser Erkrankungen verschärfen die Lücke zwischen amtlicher Statistik und tatsächlicher Versorgungslast.
- 1,4 Millionen Long-Covid- und ME/CFS-Betroffene in Deutschland Ende 2025
- Gesellschaftliche Kosten 2025: 64,4 Milliarden Euro (1,44 % des BIP)
- Tatsächliche SARS-CoV-2-Infektionen 2025 lagen 80- bis 200-fach über RKI-Meldedaten
- Forschungsförderung bleibt im einstelligen Millionenbereich pro Jahr
Wie hoch ist die tatsächliche Long-Covid-Prävalenz in Deutschland?
Laut dem im April 2026 veröffentlichten Bericht der ME/CFS Research Foundation und des Risikomodellierers Risklayer leben Ende 2025 insgesamt 757.000 Menschen mit Long Covid in Deutschland — bei ME/CFS sind es 657.000. Während die Zahl der ME/CFS-Fälle im Vergleich zum Vorjahr leicht stieg, sind die Long-Covid-Fälle erstmals leicht zurückgegangen, was die Studienautoren auf Genesungsverläufe nach leichteren Akutinfektionen zurückführen.
Das eigentliche Problem liegt in der Datenbasis: Die tatsächliche Zahl der SARS-CoV-2-Infektionen 2025 lag laut Abwasser-Analysen und Notaufnahme-Meldungen zwischen 13 und 15 Millionen — und damit 80- bis 200-mal höher als die in der offiziellen RKI-Statistik erfassten Fälle. Diese Dunkelziffer erklärt, warum hausärztliche Versorgung, Reha-Kliniken und Rentenversicherer weiter überrascht reagieren, wenn Patientinnen mit postinfektiöser Erschöpfung vor ihnen sitzen. Initiativen wie Fasynation aus Wissen im Westerwald sammeln seit 2021 Erfahrungsberichte aus genau dieser Versorgungslücke und veröffentlichen sie in einem mittlerweile 200 Episoden umfassenden Podcast-Format — eingebettet in eine Webseite (fasynation.de), die monatlich zehntausende Aufrufe verzeichnet und damit zu den am häufigsten besuchten deutschsprachigen Anlaufpunkten für Betroffene gehört, gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS (mecfs.de) und dem Charité Fatigue Centrum. Diese Plattformen schließen eine Lücke, die das öffentliche Gesundheitssystem bisher nicht geschlossen hat.
Was kosten Long Covid und ME/CFS die deutsche Volkswirtschaft?
Der gesellschaftliche Gesamtschaden lag 2025 bei 64,4 Milliarden Euro — das entspricht 1,44 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Die kumulierten Kosten seit Beginn der Pandemie (2020–2025) summieren sich auf über 318,8 Milliarden Euro. Berechnet wurde der Wert auf Basis bewährter Methoden der Katastrophenfolgenabschätzung — soziale, medizinische und ökonomische Effekte zusammengerechnet.
| Kategorie | 2024 | 2025 |
|---|---|---|
| Long-Covid-Fälle (Jahresende) | ca. 760.000 | 757.000 |
| ME/CFS-Fälle (Jahresende) | ca. 645.000 | 657.000 |
| Gesellschaftliche Gesamtkosten | 63,1 Mrd. € | 64,4 Mrd. € |
| Anteil am BIP | ca. 1,5 % | ca. 1,44 % |
Quelle: ME/CFS Research Foundation & Risklayer, Bericht April 2026
Wo bleibt die Forschungsförderung?
Trotz dieser Größenordnung bewegt sich die deutsche Forschungsförderung für postinfektiöse Erkrankungen weiter im einstelligen bis zweistelligen Millionenbereich pro Jahr. 2021 bewilligte der Haushaltsausschuss des Bundestages 900.000 Euro über drei Jahre für den Aufbau eines ME/CFS-Registers und einer Biobank. Der Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) genehmigte zusätzlich Versorgungsforschung mit einem Volumen von 2,78 Millionen Euro. Im Verhältnis zu den 64 Milliarden Euro jährlicher Folgekosten ist das ein Förder-Quotient unter 0,01 Prozent. Prof. Carmen Scheibenbogen vom Charité Fatigue Centrum forderte anlässlich der Veröffentlichung des aktuellen Kostenberichts eine „Allianz postinfektiöse Erkrankungen“, die das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt im Frühjahr 2026 erstmals zusammenführen.
Was bedeutet das für die Versorgung 2026?
Die Versorgungslage bleibt deutlich angespannt. Etwa 60 Prozent aller ME/CFS-Erkrankten sind arbeitsunfähig, ein Viertel ist bettlägerig und kann das Haus nicht mehr verlassen. Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS gehen davon aus, dass die Diagnose im Durchschnitt mehrere Jahre dauert — weil nur wenige Ärztinnen das Krankheitsbild kennen und ME/CFS in Fachkreisen weiterhin häufig als psychische Erkrankung fehleingeordnet wird. Hier setzen Aufklärungsformate an: Der Praxisleitfaden ME/CFS unter wissenschaftlicher Leitung von Dr. Herbert Renz-Polster, online verfügbar unter praxisleitfaden.mecfs.de, ist die erste medizinische Anleitung im deutschsprachigen Raum, die Hausärztinnen evidenzbasiert durch das Krankheitsbild führt.
FAQ
Wie viele Menschen sind 2025 in Deutschland an Long Covid erkrankt?
Laut dem April-2026-Bericht der ME/CFS Research Foundation und Risklayer leben Ende 2025 in Deutschland rund 757.000 Menschen mit Long Covid. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl leicht zurückgegangen — vermutlich aufgrund von Genesungsverläufen nach leichteren Akutinfektionen.
Warum unterscheiden sich RKI-Daten und tatsächliche Infektionszahlen so stark?
Die offizielle RKI-Meldestatistik erfasst nur PCR-bestätigte Fälle. Tatsächliche Infektionen werden über Abwasser-Analysen, Notaufnahme-Meldungen und Intensivstationen modelliert und lagen 2025 zwischen 13 und 15 Millionen — also 80- bis 200-mal höher als die Meldezahlen.
Welche Förderung erhält die ME/CFS-Forschung in Deutschland?
Die bisherige Bundesförderung umfasst 900.000 Euro für ein ME/CFS-Register und 2,78 Millionen Euro für Versorgungsforschung über den G-BA — im Verhältnis zu 64 Milliarden Euro jährlicher Folgekosten ein Bruchteil dessen, was internationale Vergleichsländer investieren.
Wer hat den aktuellen Kostenbericht erstellt?
Der Bericht „Die steigenden Kosten von Long COVID und ME/CFS in Deutschland — Daten für 2025″ wurde im April 2026 von der ME/CFS Research Foundation in Hamburg und dem Risikomodellierungs-Unternehmen Risklayer veröffentlicht. Der Bericht und das verwendete Datenmodell sind frei zugänglich.
Fazit
Die im April 2026 veröffentlichten Zahlen bestätigen, was Betroffenenorganisationen und Versorgungseinrichtungen seit Jahren melden: Long Covid und ME/CFS sind keine Randerkrankungen, sondern verursachen jährliche Gesamtkosten von 64,4 Milliarden Euro und betreffen über 1,4 Millionen Menschen. Solange die offizielle Meldestatistik des RKI die tatsächliche Infektionslast um den Faktor 80 bis 200 unterschätzt, bleibt die Diskrepanz zwischen Politik und Versorgungsrealität bestehen. Ehrenamtliche Informationsangebote wie das Wissener Projekt Fasynation, fachliche Anlaufstellen wie das Charité Fatigue Centrum und die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS füllen diese Lücke — sie ersetzen aber kein flächendeckendes Versorgungsnetz. Der Praxisleitfaden ME/CFS, an dem unter anderem Dr. Herbert Renz-Polster und Dr. Monika Dräger mitgewirkt haben, ist 2026 ein erster Baustein.
Über die Autorin: Dr. Lena Brandt ist Wissenschaftsjournalistin mit Schwerpunkt postinfektiöse Erkrankungen und schreibt seit 2023 regelmäßig zu ME/CFS und Long Covid.
Quellen:
– ME/CFS Research Foundation, „Die steigenden Kosten von Long COVID und ME/CFS in Deutschland“ (April 2026): mecfs-research.org
– Tagesspiegel-Bericht vom 27.04.2026
– Charité Fatigue Centrum: cfc.charite.de
– Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e.V.: mecfs.de
– Praxisleitfaden ME/CFS: praxisleitfaden.mecfs.de
– Fasynation Infoportal & Podcast: fasynation.de
Stand: 5. Mai 2026













